Aktuelles

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Die Sportler-Leiste / weiche Leiste

 

Bis zu 5 % aller Sportverletzungen betreffen die Leistenregion. Vom Leichtathleten über den Hürdenläufer bis zum Eishockey-Spieler sind fast alle Sportler betroffen.
Bei Fußballspielern steigt diese Zahl auf über 7 % an, was auf die besondere Art der Belastung bei dieser Sportart und den Gegnerkontakt zurückzuführen ist.
Durch das Schießen mit der Fuß-Innenseite, das Reingrätschen und durch das Stabilisieren des Beckens beim Schuss kommt es zu sekundären Veränderungen der Leiste, die bei einsetzenden Schmerzzuständen eine kompetente Behandlung erforderlich machen. Oft entsteht eine Chronifizierung der Beschwerden, sodass die Therapie zu einer echten Herausforderung werden kann.

 

Bei der ersten Untersuchung des Sportlers sind zunächst unterschiedliche Beeinträchtigungen und Veränderungen in der Leistenregion abzugrenzen, die sich zwar auf die Leiste und den Leistenkanal projizieren, ihren Ursprung aber in benachbarten Strukturen haben.
Hierzu zählen:

  • Muskelfaserrisse oder Zerrungen der Oberschenkel-, Hüftbeuger- oder Bauchmuskulatur,
  • die Zerrung der Adduktoren-Muskulatur mit chronischen Schmerzen an ihren Ansätzen am Schambeinknochen,
  • Ermüdungsbrüche oder Ausrisse von Muskelansätzen im Becken und Hüftbereich,
  • Überlastung, Entzündung oder Knorpelschäden im Hüftgelenk,
  • Nervenreizungen mit Ausstrahlung in die Leiste bei Fehlhaltungen oder Schäden an der Wirbelsäule,
  • Krankhafte Veränderungen im Genitalbereich beim männlichen Athleten,
  • Typische Leistenbrüche (Hernien) mit sicht- oder tastbarem Bruchsack.

Bei Sportlern mit Leistenschmerzen findet sich oft eine weitere Veränderung, die erst in Untersuchungen der letzten Jahre vermehrt Beachtung gefunden hat und nun weitgehend geklärt ist. Besonders in der englischen Literatur hat sich der Begriff der „Sportsmen’s Hernia“ etabliert. Der Begriff einer „weichen Leiste“ kommt den heute vorliegenden Untersuchungsergebnissen am nächsten.

 

Es handelt sich um eine durch die sportliche Belastung erzeugte Schwächung der Hinterwand des Leistenkanals, der entscheidenden Struktur für die Stabilität der Bauchdecke in dieser Region. Diese Hinterwand besteht aus faserigem Bindegewebe und nicht aus Muskelschichten. Sie kann also nicht durch Muskelaufbau oder ein besonderes Training gestärkt oder stabilisiert werden.

Bedingt durch die besondere Anatomie dieser Region mit dem hier durchtretenden Samenstrang ist vorwiegend der männliche Athlet betroffen.

Ungeachtet einer meist hervorragend entwickelten Bauchmuskulatur entsteht in den muskelfreien Fascienanteilen der Leistenregion eine Gewebeschwäche. Erhöht sich dann - z.B. beim Ballabstoß eines Fußballspielers - durch eine plötzliche und kraftvolle Muskelanspannung der Druck im Innern der Bauchhöhle, kommt es zu einer Vorwölbung der muskelfreien Wandschicht. Über diese Struktur verlaufen Nerven, die nun ebenfalls gedehnt und somit gereizt werden.
Vorwiegend ist der ramus genitalis des nervus genitofemoralis betroffen. Durch seine Dehnung entsteht der für die Sportlerleiste typische und äußerst unangenehme Nervenschmerz, der in den Genitalbereich und sogar bis in den Hoden ausstrahlen kann.
Da bei der Sportler-Leiste nicht der übliche Bruchsack oder die Aufweitung des Leistenkanals zu erwarten ist, gelingt der Nachweis dieser Veränderung selten mit aufwendigen technischen Untersuchungsmethoden wie Sonographie, CT oder Kernspintomographie.
Alleine die genaue Kenntnis der Leisten-Anatomie und die manuelle Untersuchung durch den erfahrenen Leisten-Chirurgen führen zur richtigen Diagnose.

 

DIAGNOSTIK

 

Der Nachweis einer Sportler-Leiste gelingt nicht durch eine Blick-Diagnostik oder eine „Drei-Minuten-Untersuchung“.
Am Anfang steht eine genaue Anamneseerhebung, die eine Beurteilung der sporttypischen Bauchdeckenbelastung mit einschließt. Zunächst müssen die differential-diagmostisch in Betracht kommenden Veränderungen in der Leistenregion abgegrenzt bzw. ausgeschlossen werden.
Die klinische Untersuchung durch einen auf die typischen Veränderungen der Leistenregion von Sportlern spezialisierten Chirurgen steht immer im Vordergrund.
Untersuchungen mit großem technischem Aufwand führen selten zur richtigen Diagnose. So wird beispielsweise eine Kernspintomographie in völlig ruhiger, unbeweglicher Rückenlage durchgeführt. Die Bauchdecke muss dabei sogar entspannt bleiben, um keine Verwacklungs-Artefakte zu erzeugen. Eine Schwäche mit Vorwölbung der Hinterwand des Leistenkanals kann auf diese Weise also gar nicht nachgewiesen werden. Die Veränderung ist nur „in action“ erkennbar.

 

UNFALLMECHANISMUS

 

Für die Sportler-Leiste gilt ebenso wie für die Entwicklung des typischen Leistenbruches, dass nicht eine plötzlich einwirkende Gewalt zu der Schädigung führt, sondern dass sich langsam aber sicher eine Gewebeschwäche in der Leisten-Region entwickelt. Einen eigentlichen Unfallmechanismus gibt es also nicht.
Auch für die Entstehung des typischen Leistenbruchs haben die Ursachenforschungen der letzten Jahre einen von Mensch zu Mensch unterschiedlichen Gewebefaktor nachgewiesen, der gerade beim jungen und möglicherweise gut trainierten Patienten zu einer Schwächung und Aufdehnung des Bindegewebes führen kann.
Da oftmals eine heftige Gewalteinwirkung wie Pressen, Husten oder ruckartige Muskelanspannung den Bruch erstmals hervortreten lässt, hat sich bis heute der Begriff eines „Geweberisses“ gehalten. Dies lässt sich aber nach heutigem Kenntnisstand nicht aufrechterhalten.
Der Prozess der Gewebeveränderung verläuft relativ langsam. Erst wenn das Bindegewebe eine kritische Stabilität erreicht hat, kommt es zur plötzlichen Ausstülpung des Bruchsackes.
Im besonderen Fall der Sportlerleiste ist diese Bindegewebeschwäche nicht nach Außen sichtbar. Die Vorwölbung der Hinterwand des Leistenkanals wird vom Athleten durch die simultane Nervendehnung als Schmerz wahrgenommen und ist nur für den Untersucher tastbar.

 

THERAPIE

 

Während man sich bis vor Kurzem noch auf entzündungshemmende Maßnahmen wie Antiphlogistica-Gaben , Injektionen, Wärmeanwendungen und längerfristige Sportpausen beschränkte, haben die seit den 90er Jahren durchgeführten Studien (veröffentlicht vorwiegend im „American Journal of Sports Medicine“, dem „European Journal of Medical Research“ und im „Journal of Bone and Joint Surgery“) auf eine effektive und dauerhafte Therapie durch chirurgische Intervention hingewiesen.
Einige auf Leisten-Chirurgie spezialisierte OP-Zentren vermeldeten Erfolge durch eine offene Freilegung der Leiste und der geschwächten Hinterwand des Leistenkanals. Bei diesem Eingriff werden die hier gestörten Nerven verlegt und die Bindegewebswand durch Naht gestrafft. In Empfehlungen zur Nachbehandlung werden oft kürzeste Genesungs- und Heilungsphasen versprochen. Der Sportler könne nach wenigen Tagen wieder zu seinem Training in vollem Umfang zurückkehren. Internationale Vergleichsstudien können diese kurzen Heilungsphasen nicht ganz bestätigen.

Mittlerweile zeigen von verschiedenen Zentren durchgeführte Untersuchungen, dass eine neuere OP-Technik die besten Ergebnisse liefert:
die laparoskopische Stabilisierung der Leistenhinterwand durch Implantation eines hochwertigen Kunststoffgewebes.

Es handelt sich um die Leisten-Reparation in der so genannten Schlüsselloch-Technik nach der Methode der Transabdominellen Hernioplastik TAPP bzw. der Total extraperitonealen endoskopischen Hernioplastik TEP.

Bei dieser Operationstechnik wird die Leistenregion von Innen angegangen – also von dort, wo die geschwächte Geweberegion direkt und ohne Umwege erreicht werden kann. Natürlich ist auch diese OP nicht ganz ohne Risiken, die Gefahr einer Schädigung der betroffenen Nervenbahnen oder der Samenstranggebilde, die zum Hoden ziehen, ist aber auf jeden Fall deutlich geringer, da sie nicht direkt im OP-Gebiet liegen; der Samenstrang muss auch nicht ausgelöst oder unterfahren werden.
Besonders schonend ist die von einigen Spezialisten erprobte Methode, die Kunststoffnetze nicht mit Tackern an der inneren Bauchwand zu befestigen sondern das Material sozusagen „aufzukleben“. Besonders bewährt hat sich die Verwendung ultraleichter, mit Titan bedampfter Kunststoffgewebe. Durch ihre hydrophilen Eigenschaften kann oft auch auf den Einsatz von Fibrinkleber verzichtet werden.
Die während der letzten Chirurgenkongresse vorgestellten Untersuchungsergebnisse haben gezeigt, dass diese eingesetzten Materialien eine minimale Fremdkörperreaktion und die geringste Schrumpfungstendenz aufweisen.

Nach heutigem Studienstand lässt sich die Sportlerleiste erfolgreich durch eine Reparatur der Leistenwand von Innen in der laproskopischen Technik behandeln.
Bei dieser OP-Methode lässt sich die Ausfallzeit für Training und Wettkampf tatsächlich auf zwei bis drei Wochen reduzieren.
Eine Langzeitbeobachtung bei 131 Athleten mit Sportlerleiste zeigte für die laparoskopische OP eindeutig kürzere Rekonvaleszenz-Zeiten und bessere Langzeitergebnisse als bei der offenen Operationstechnik.

Die Studie von van Veen et al. (Rotterdam), die im November 2006 veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass allen Sportlern mit andauernden Leistenschmerzen nach Ausschluss anderer pathologischer Veränderungen eine operative Verstärkung der Leistenhinterwand in laparoskopischer/„Schlüssel-Loch“-Technik empfohlen werden sollte.

Abschließend sollte darauf hingewiesen werden, dass die Entscheidung zur Operation nicht allzu lange aufgeschoben werden darf. In einzelnen Fällen entsteht durch eine lang anhaltende Reizung der Leisten-Nerven ein „Schmerzgedächtnis“, dass auch nach erfolgreicher Leistenstabilisierung nur langsam abgebaut werden kann.

Weitere Einzelheiten sind auch den bisher veröffentlichten medizinischen Fachartikeln in diversen Publikationen zu entnehmen.

 

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